Sirénes

Sirénes

SIRÉNES, um, Gr. Σειρῆνες, ων, ( Tab. III.)

1 §. Namen. Insgemein wird solcher von dem griechischen Σύρειν, ziehen, hergeleitet, weil die Sirenen mit ihrem Gesange die Menschen an sich zogen, oder auch von σεῖρα, eine Kette, weil sie die, welche sie an sich gelocket, wie mit Ketten gebunden hielten. Banier Entret. X. ou P. I. p. 314. Dess. Erl. der Götterl. III B. 594 S. Eigentlich soll er von σειριᾶν, glänzen, leuchten, kommen, wovon auch das Gestirn Sirius den Namen hat. Dam. Lex. etymol. p. 3006. Man will aber doch solchen Namen noch lieber von dem ebräischen Worte Sir, Gesang, herleiten, weil die Sirenen als gar wunderbare Sängerinnen vorgestellet werden. Bochart. Chan. l. I. c. 24.

2 §. Aeltern. Ihr Vater ist, nach allen, Achelous: für die Mutter aber hält man bald die Muse Melpomene, Apollod. l. I. c. 3. §. 4. & Hygin. Præf. p. 13. bald die Kalliope, Serv. ad Virgil. Aen. V. v. 864. bald die Terpsichore, Apollon. l. IV. v. 896. & Tzetz. ad Lycophr. v. 653. und bald auch die Sterope, eine Tochter des Parthaons. Apollod. l. I. c. 7. §. 11. & Eustath. ad Hom. Od. Μ. v. 39.

3 §. Namen und Anzahl. Insgemein sind deren drey, nämlich Thelxiope, oder Thelxinoë, Molpe und Aglaophonos. Schol. Apollon. adl. IV. v. 892. Nach andern heissen sie Thelxiepia, Molpe und Pisinoe; Hygin. Præf. p. 13. oder Leukosia, Ligea und Parthenope. Clearchus Solensis ap. Nat. Com. l. VII. c. 13. Manche zählen deren viere, als die Aglaopheme, Thelxiepia, Pisinoe, und Ligea. Didym. ad Homer. Od. Μ. v. 39. Indessen sollen ihrer eigentlich doch nur zwo gewesen seyn. Hom. Odys. Μ. 52. Cf. Dam. Lex. etymol. p. 3006. Andere reden dagegen von fünfen: Gyrald. Synt. V. p. 178. beyde aber machen sie nicht namhaft.

4 §. Stand und Schicksal. Sie waren anfangs Jungfrauen, und Gespielinnen der Proserpina. Weil sie aber dieser nicht zu Hülfe gekommen waren, als sie Pluto entführete, ungeachtet sie damals mit ihr spazieren gegangen, so verwandelte sie Ceres in Misgestal ten mit Flügeln, wie Vögel. Hygin. Fab. 141. Jedoch wollen auch einige, sie hätten sich selbst Flügel gewünschet, damit sie die entführte Proserpina überall desto geschwinder suchen könnten, welches ihnen denn von den Göttern gewähret worden. Ovid. Met. V. 557. Als sie sich aber von der Juno verleiten liessen, es mit den Musen auf einen Wettkampf im Singen zu wagen, so verspieleten sie, und verloren dabey ihre Flügel wieder, welche ihnen die Musen ausrupfeten, und sich Kränze von deren Federn machten. Paus. Bœot. c. 34. p. 594. Steph. Byz. in Ἄπτερα. Man sieht noch auf einem alten Denkmaale eine Muse in dieser Beschäfftigung bey einer Sirene, welche in jeder Hand eine Flöte hat und mit Schreyen davon zu fliehen scheint. Sie hat als etwas besonderes einen Mantel über ihre Schultern hinab hängen. Wnkelm. Mon. ant. 46. p. 56. Sie hatten aber ihren Aufenthalt in den Inseln bey dem pelorischen Vorgebirge an Sicilien; Serv. ad Virgil. Aen. V. v. 863. oder auch an der tyrrhenischen Küste in Italien. Tzetzes ad Lycophr. v. 653. Sie saßen daselbst auf einer grünen Wiese, und hatten einen großen Haufen vermoderter Menschengebeine um sich. Hom. Od. Μ. 45. Denn sie richteten von denen, die in ihre Gegend kamen, so viele hin, daß von deren Knochen die Insel endlich von ferne ganz weiß aussah. Paus. Phoc. c. 6. p. 619. & Virgil. Aen. V. v. 864. Es war ihnen aber gesaget worden, sie sollten so lange leben und bleiben, bis jemand vor ihnen vorbey fahren würde, ohne sich durch ihren Gesang anlocken zu lassen. Hygin. l. c. Als nun nach der Zeit Orpheus mit den Argonauten da vorbey gieng, und durch seine Musik machete, daß man sie nicht hören konnte; Apollon. l. IV. v. 904. oder aber, nach andern, Ulysses auf der Circe Rath seinen Leuten die Ohren mit Wachse zustopfete, sich aber selbst an den Mastbaum fest anbinden ließ, und also glücklich vorbey kam: Homer. Od. Μ. v. 166. so stürzeten sie sich aus Verzweifelung selbst ins Meer. Hygin. l. c. Sie wurden darauf insgesammt in harte Felsen verwandelt. Orph. Argon. v. 1281. Vorher hatten sie doch den Butes von den Argonanten zu sich gelocket. Hyg. Fab. 14. Desgleichen hatten sie die Centauren so lange mit ihrem Gesange herum geführet, bis sie insgesammt vor Hunger umkamen. Ptol. Hepbæst. l. V. p. 325.

5 §. Bildung. Sie werden als Jungfern mit schönen Gesichtern, langen fliegenden Haaren, allein Vogelleibern und großen Hahnenfüßen, gebildet. Ovid. Met. V. v. 552. Auf einigen Denkmaalen haben sie nur ein Jungferngesicht; sonst sind sie ganz Vogel: bey andern aber besitzen sie einen menschlichen Leib mit Armen bis auf die Mitte des Leibes, von da an sie erst Vögel werden. Dabey haben sie bald große Flügel, bald gar keine. Montfauc. Antiq. expliq. T. I. P. II. pl. 222. Die eine singt, die andere pfeift, und die dritte spielet auf der Leyer. Serv. ad Virgil. Aen. V. v. 863. Eine dergleichen, und so gar mit einem großen Vogelschwanze, die auf einer Flöte spielet, und eine andere in der linken Hand hält, sieht man auf einem geschnittenen Steine. Chausse gem. ant. fig. t. 128. Dieser kömmt die auf einer Münze des Augusts sehr ähnlich: nur daß sie an statt der Flöte auf einem langen Horne bläst, und in der andern Hand nichts hat. Croyac. Reg. & Imp. num t. 13. n. 8. Beyde sind mit großen Flügeln versehen. Nach einigen werden sie auch von unten her als halbe Fische gebildet, und sollen sich im Meere aufgehalten haben. Chart. Imag. 35. p. 109. Allein, solches hat keinen Grund in dem Alterthume. Voss. Theol. gent. l. III. c. 99.

6 §. Wahre Beschaffenheit. Manche wollen bald besondere Vögel in Indien, bald besondere Fische aus ihnen machen. Chartar Imag. 35. Andere meynen, es wären gewisse Klippen gewesen, zwischen welchen die anschlagenden Wellen ein angenehmes harmonisches Geräusch gemacht, welches die Schiffer oft dahin gelocket, und dadurch in Gefahr gebracht, daselbst Schiffbruch zu leiden. Archippus de piscib. l. V. ap. Nat. Com. l. VII. c. 13. p. 753. Am glaublichsten ist es, daß sie berühmte Huren gewesen, welche die Vorbeyreisenden an sich gelocket, und hernach ausgezogen, welches denn der Schiffbruch war, den dergleichen verführete Leute litten. Heraclid. Incred. c. 14. & Serv. ad Virgil Aen. V. v. 863. Indessen läßt sich doch auch alles von ihnen nicht unfüglich auf die Wollust deuten. Baco Verulam. de Sap. Vet. c. 31. Vornehmlich soll man das Vergnügen der Ohren und die Reize der Dichtkunst und Musik darunter haben verstehen wollen, mit der Warnung, daß sich niemand dadurch von nöthigern und berufsmäßigern Geschäfften solle abhalten lassen. Damms Götterl. 436 §. Die weissen Knochen um sie herum, oder an den Klippen, sollen auch nicht schiffbrüchige oder verunglückte, sondern immer bis an ihren Tod da gebliebene Leute anzeigen; denn wer sich zur Lieblichkeit der Musik einmal gewöhnet, pflegt ihr beständig anzuhängen. Ej. Lex. etymol. col. 3006.


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